Archiv der Kategorie: Märchen als Wegweiser – Wandlungsprozesse im Märchen

Wandlungsprozesse im Märchen

Veränderungsprozesse im Spiegel von Märchen und Weisheitsgeschichten

Veränderungen begleiten unser Leben – ob privat oder beruflich: ein notwendiger Umzug, Kinder, die geboren werden oder ausziehen, (drohender) Verlust von Liebe, Freundschaften oder Gesundheit, … Manche Veränderungen „überfallen“ uns, andere kündigen sich schon längere Zeit an. Und manche sehnen wir herbei.

Veränderungen implizieren immer einen Abschied von Gewohntem, oft Bewährtem, manchmal lange Zeit vergeblich Erstrebtem oder auch Verhasstem. Das was bisher selbstverständlich war, was trug, gilt nicht mehr. Loslassen tut Not, fällt aber oft schwer. Zudem ist das mögliche Neue oft noch nicht sichtbar. „Was ich habe, das weiß ich. Was ich bekomme, weiß ich nicht.“ Dies habe ich so oder ähnlich formuliert schon oft in der Beratung gehört.

Martina Nohl nennt die Spanne zwischen Abschied und Neubeginn „Zwischenzeit“[1]. Sie betont ihre zentrale Bedeutung in Veränderungs- (Übergangs-) Prozessen. Diese Phase geht nicht selten mit Versagensgefühlen, Orientierungslosigkeit, Ungeduld einher und erinnert uns daran, dass wir eben keine Erfolgsmaschinen sind: „Ich weiß im Moment überhaupt nicht, welche neue Richtung ich meinem Leben geben will.“, „Ich habe es selbst gewollt, jetzt kann ich nicht jammern!“ oder auch „Ich kann doch froh sein, dass ich aus der Sache rausgekommen bin. Warum geht es mir immer noch so schlecht? Müsste ich nicht schneller wieder auf die Beine kommen?“ …

Klient*innen in existentiellen Konflikt- und Entscheidungssituationen – z.B. durch einschneidende Veränderungen oder gar Zerbrechen naher Beziehungen, Misserfolgs- oder Mobbingerfahrungen, Burn Out, (drohender) Verlust des Arbeitsplatzes, erzwungene berufliche Neuorientierung, … – berichten oft von Gefühlen der Hilf- und Orientierungslosigkeit. Das Alte trägt nicht mehr. Dennoch fällt es schwer, Gewohntes, Liebgewordenes oder bis jetzt Erstrebtes loszulassen.

Auch wohin es gehen soll, welche Ziele für sie wirklich stimmig sind, zu ihrer Situation, ihren Ressourcen und Möglichkeiten und vor allem zu dem passen, was ihnen wirklich am Herzen liegt, wissen viele anfangs meist nicht.

In ganz unterschiedlichen Situationen sind wir aufgerufen, uns zu entscheiden. Sie führen uns oft zu existentiellen Fragen: „Wer bin ich? Und wer will ich sein?“, „Wie will ich, wie wollen wir leben?“, „Was liegt mir (oder uns als Paar) wirklich am Herzen?“, „Welche Verantwortung trage ich?“, „Was erwartet mich, was ist noch möglich, wenn dass, worauf ich mein Leben bisher gestützt habe, morsch geworden oder gar zusammengebrochen ist?“, „Wie kann ich meine Würde spüren und die der/des Andere*n achten?“ oder „Wie finde ich Stück für Stück Zuversicht und Kraft, meinen Weg zu gehen, auch wenn er schwer ist?“. Dies sind Fragen, die mir in der Beratung von Einzelnen und Paaren immer wieder begegnen.

Veränderungen aktiv zu gestalten benötigt Zeit – und das Vertrauen, dass wir unseren Weg gestalten können, wenn wir ihn nur gehen. Sie erfordert die Bereitschaft, eigene Sichtweisen und Überzeugungen zu hinterfragen, sich mit Bedürfnissen, Erwartungen und Werten auseinanderzusetzen (den eigenen und denen der derjenigen mit denen wir unser Leben teilen oder von denen wir „abhängig“ sind) und auch mit inneren Antreibern und Blockaden.

Als psychologische Beraterin, Coach und Supervisorin begleite ich Menschen in Konflikt- und Entscheidungssituationen – und in mehr oder weniger freiwilligen Veränderungsprozessen.

Ich weiß, wie wichtig es ist, Menschen zuhören und mit ihnen gemeinsam herauszufinden, welche Fragen, Nöte und Hoffnungen sie wirklich bewegen. Dass ich sie mit neuen Sichtweisen oder Erfahrungsmöglichkeiten in Gespräch bringen und sie manchmal auch konfrontieren muss.

Doch auch dies gilt: Menschen wollen wissen, woran sie sind, worauf sie sich verlassen können, suchen nach Orientierung und bereits erprobten Wegen – auch wenn sie letztlich ihre eigene Antwort auf die An-Fragen des Lebens finden (und geben) müssen.

Eine Möglichkeit, Orientierung zu finden und vom Erfahrungsschatz vieler Menschen zu lernen, ohne sich der Willkür „guter Ratschläge“ ausgesetzt zu sehen, ist die Auseinandersetzung mit Märchen und Weisheitsgeschichten. Sie spiegeln Wachstums- und Wandlungsprozesse per se. Sie zeigen, dass man loslassen muss (und wie es gehen kann), um für Neues bereit zu werden. Sie zeigen, dass es sich lohnt, den eigenen Weg zu suchen und erinnern uns an so wesentliche Fragen wie: „Was liegt dir am Herzen?“ „Wer und was dir wirklich wichtig?“ – „Wofür trägst du Verantwortung?“ – „Was bist du dir selbst schuldig, um mit aufrechtem Gang durch´s Leben gehen zu können?“ – „Was bist du bereit loszulassen, und bist du bereit zu tun, um deine wirklichen Ziele zu erreichen?“

Ich selbst habe mich – wohl aufgrund des namensbezogenen Erbes 😊 – über die Jahre immer wieder mit Märchen beschäftigt. Die Initialzündung erfuhr ich jedoch beim Lesen von Ildikó Boldiszsárs Buch „Die Königin, die unter dem Tisch saß und weinte“.[2]


Ihre „Story-Therapie“ zeigt einen sehr strukturierten und dennoch den individuellen Erfahrungen und Fragen Raum gebenden Weg der therapeutischen Arbeit mit Märchen auf.

Nun will ich nicht dafür werben, in Beratung oder Coaching Märchen- oder „Story-Therapie“ zu betreiben. Dennoch waren und sind Ildikó Boldiszsárs Gedanken zu den vorgestellten Märchen und ihre Vorgehensweise für mich so inspirierend, dass ich wieder begonnen habe, mich Märchen systematisch zu widmen und sie im Hinblick auf wiederkehrende Themen in der Beratung zu befragen.

In der Hoffnung, dass auch Sie, liebe Leser*in, die ein oder andere Anregung für Ihre eigene Beratungs- bzw. Coachingpraxis entnehmen können, werde ich – in loser Folge – ausgewählte Märchen dahingehend betrachten, welche Orientierung sie Berater*innen, Coachs und ihren Klient*innen hinsichtlich des Umgangs mit Entscheidungssituationen und Veränderungsprozessen geben können.

Zu Beginn widme ich mich einem Indio-Märchen aus Südamerika: „Die Beutelratte, die sich fledermauste“. Es gibt eine ganz eigene Antwort auf die Frage, was Not tut, wenn das bisherige Leben nicht mehr trägt.

Viel Freude beim Lesen.

Sabine Grimm


[1] Nohl (2011) – Nohl, Martina: Übergangscoaching. Berufliche Veränderungen kompetent und erfolgreich gestalten, Junfermann 2011, S. 67ff.

[2] Boldizsár (2018) – Boldiszsár, Ildikó: Buch „Die Königin, die unter dem Tisch saß und weinte“. Arkana 2018

Die Beutelratte, die sich fledermauste

Es war einmal eine Beutelrate, die war ihr altes Leben müde, da sagte sie sich: „Ich bin zu alt für dieses Rattenleben und zu langsam, meine Beine sind schwer und wollen mich nicht mehr. Es ist Zeit, dass ich mich verwandele. Aber was soll ich werden? Ich will im Dunkeln meine Wege finden, ohne dass man mich sieht. Soll ich also eine Schabe werden? Lieber nicht. Die Leute würden mich verachten und zertreten. Soll ich eine Schlange werden? Ach nein, dann wird man mich fürchten und hassen. Ich will eine Fledermaus werden! Die fliegt durch die Nacht und frisst reife Bananen!“

Und dann ging die alte Ratte daran, sich zu fledermausen. Mit ihrem langen Schwanz und ihren Hinterpfoten hielt sie sich fest an einen Zweig und hängte sich Kopf nach unten auf, wie Fledermäuse das tun. Aber da bekam sie einen Schluckauf.

Eine Fledermaus, die vorüberflog, hörte, wie sie schluckte und schluckte. Sie flatterte um die Ratte herum. „Was machst du denn da?“, fragte sie, „willst du dich über mich lustig machen?“ – „Nein“, sagte da die alte Ratte, „ich will mich nicht über dich lustig machen. Ich will mich fledermausen.“ – „Wir Fledermäuse haben keinen Schwanz“, sagt die Fledermaus. Da warf die Ratte ihren Schwanz ab und hielt sich nur noch mit den Hinterpfoten fest. – „Wir Fledermäuse brauchen keinen Beutel!“ – Da warf die Beutelratte ihren Beutel fort. – „Wir Fledermäuse haben Flügel!“ – Da dehnte und dehnte die Beutelratte ihre alte Haut und spannte neue Flügel aus. Die Fledermaus flog davon und sagte zu ihrem Volk: Denkt euch, was ich gesehen hab’. Dahinten ist eine Beutelratte, dich sich fledermaust. Sie will sich verwandeln, um mit uns zu leben. Lasst sie in Ruhe, dass sie sich verwandeln kann.“ Da riefen alle Fledermäuse: „Eine Ratte, die sich fledermaust! Eine Ratte die sich fledermaust! Los, los, das müssen wir sehen!“, und sie flogen alle dorthin und sahen die Beutelratte, die da hing und sich fledermauste.

„Ratte, Ratte, hast du dich schon verwandelt?“, fragten sie – „Ja, verwandelt hab’ ich mich schon“, sagte die Ratte „und jetzt möchte ich fliegen. Aber ich fürchte mich.“ – „Fürchte dich nicht, Ratte!“, riefen die Fledermäuse. „Fliege! Es ist wunderschön.“ Die alte Ratte wollte gern fliegen, aber sie fürchtete sich und zitterte und war ganz schwer vor Angst und blieb hängen. „Hab keine Angst“, riefen die Fledermäuse „wir werden dich das Fliegen lehren. Breite nur deine Arme aus, lass deine Flügel schwingen und dann lass dich fallen – und du wirst fliegen!“

Da spannte die alte Ratte ihre neuen Flügel aus, sie lässt sie schwingen, lässt sich los – sie fliegt! „Wunderschön ist es!“, ruft sie und fliegt davon durch die Nacht. Wir können sie nicht sehen, aber sie sieht uns auch im Dunkeln. Sie findet Bananen, mehr als genug, und die reifen, die frisst sie. So hat die alte Beutelratte sich gefledermaust. Ein alter Indianer hat’s erzählt. In seinem Land ist es geschehen.

Indiomärchen aus Südamerika, bearbeitet von H. Dickerhoff[1]


[1] Dickerhoff (2007) – Dieckerhoff, Heinrich: Trau deiner Sehnsucht mehr als deiner Verzweiflung. Lärchen zum Leben. Matthias-Grünewald-Verlag. Ostfoldern 2007, S. 93ff.

Originalbild von H. Hach auf Pixabay

Märchen zeigen Wege – Gedanken

Die Beutelratte spürt, dass ihr altes Leben vorbei ist. So wie bisher kann es nicht weitergehen. Spürt: „Es ist Zeit, dass ich mich verwandele.“
Welche Gestalt „passt“ zu ihr? Welche ist ihr hinreichend ähnlich, sodass sie überhaupt zu hoffen wagen kann, die Wandlung zu erreichen? Welche ist jedoch auch hinreichend anders als ihre bisherige? – Welche macht einen „Unterschied, der einen Unterschied macht“?
Die Fledermaus begegnet ihr zu erst verwundert, gar misstrauisch: „willst du dich über mich lustig machen?“. Doch dann begleitet sie die Wandlung der Beutelratte interessiert aus wohlwollender Distanz.
Doch verwandeln muss diese sich selbst. Die Mühen des Loslassens, des geduldigen Ausharrens und des Erringens ihrer eigenen Flügel kann ihr niemand abnehmen.
Wieder macht ihr die Fledermaus Mut. Diesmal sind sogar ihre Freundinnen dabei: „Fürchte dich nicht, Ratte!“. Sie haben die Wandlungsfähigkeit der Beutelratte erfahren, glauben an sie. Und als ihr der Mut zu versagen droht, halten sie ihr ihr Ziel vor Augen: „Fliege! Es ist wunderschön.“
Wunderschön, nicht nur für die Beutelratte, die nunmehr in ihrer neuen Gestalt angekommen ist. Wunderschön auch als Gleichnis und Zielbild jeglicher Wandlung: Nutze deine neu erworbenen Kräfte, spanne deine neuen Flügel aus und fliege, fliege!
Jene wiederum halten Abstand, der Freiheit lässt. Kein „Wenn du eine richtige Fledermaus sein willst, musst du …“. Sie bringen ihr Wohlwollen und Wertschätzung entgegen, Respekt vor ihrer ganz persönlichen Entscheidung und ihrem Weg – und erlauben der Ratte damit, genau diesen, ihren eigenen Weg zu finden.

Dieses kurze Märchen stellt für mich auf eindrückliche Weise den Weg jeglicher existentieller  Veränderung dar: Die Einsicht: „Das Alte trägt nicht mehr. Ich muss und will etwas ändern.“. Der Abschied von Überholtem. Loslassen, sich besinnen und ein anstrebenswertes und stimmiges Ziel finden. Die Zeit kommen lassen, dann alle Kräfte ausrichten auf das entstehende Neue.  – Und zu guter Letzt den eigenen Weg auch gehen (fliegen). Dazu macht das Märchen Mut.