Klarheit und Perspektive(n)

in Entscheidungssituationen und Veränderungsprozessen

Supervision und Coaching Sabine Grimm

Goldmarie und Pechmarie – Oder wie komme ich von hier nach dort?[1]

Von Sabine Grimm

Unter den Kinder- und Hausmärchen Brüder Jacob und Wilhelm Grimm gehört „Frau Holle“[2] zu denen, die in unserem Kulturkreis am bekanntesten sind. Das Motiv der zwei so unterschiedlichen (Stief-) Schwestern, deren eine für ihre Bescheidenheit, Güte und Duldungsbereitschaft am Ende belohnt, während die Andere für Bosheit, Faulheit, Hybris bestraft wird, existiert jedoch auch in ganz verschiedenen kulturellen Traditionen.    Die Grimms haben es, wie viele andere „ihrer“ Märchen auch, „aufgelesen“, im Sinne geteilter Wert- und erzieherischer Vorstellungen modifiziert und dichterisch bearbeitet.

Vermutlich kennen Sie die genannte Lesart. Der erzieherische Zeigefinger ist überdeutlich. Und das Gerechtigkeitsempfinden auf der einen, die Schadenfreude auf der anderen Seite bekommen reichlich Nahrung beim Rezipieren.

Ich will hier auf eine andere Dimension aufmerksam machen, die – zumindest für mich – im Märchen ebenfalls aufscheint. Es geht um die Frage nach stimmigen Zielen und die Suche nach dem besten Weg dahin.

Selbstverständlich ist die ein Thema, dass hier nur ausschnittweise besprochen, ja nur angerissen werden kann. Fragen nach der rechten Lebensweise, nach Lebenskunst und Lebensglück beschäftigen Menschen seit Jahrtausenden. Über die Vielfalt der Anwortversuche geben uns insbesondere Werke der Philosophie und der Dichtung Zeugnis. Daneben sind es jedoch auch Mythen und Märchen, die uns einen Einblick in das Ringen mit eben jenen Fragen geben.

Was haben Goldmarie und Pechmarie nun mit unserer Frage zu tun?

Die beiden starten von sehr unterschiedlichen Ausgangspositionen. Während Pechmarie zu Beginn scheinbar „alles“ hat (die Aufmerksamkeit und unbedingte Zuwendung ihrer Mutter, materiellen Luxus und die Befreiung von der Notwendigkeit, in irgendeiner Weise für ihr eigenes Überleben oder für andere zu sorgen), ist für Goldmarie alles anders: Als (märchentypische) Stieftochter und -schwester entbehrt sie jeder Zuwendung, jeden Rechts, Sie wird verspottet und ausgebeutet.

So übel die Lebensumstände der (späteren) Goldmarie sind, so wenig scheint sie sich dagegen aufzulehnen. Sie trägt ihr Schicksal voller Demut.

Doch dann verpasst ihr genau dieses Schicksal einen Tritt. Die Spule fällt in den Brunnen. Peng.

Doch das, was anfangs wie ein Unglück aussieht, wird  für Goldmarie zum Weckruf,  – nun endlich – loszulaufen, ihren Lebensweg zu suchen und vorwärts zu gehen, anfangs mit unsicheren Schritten zwar, aber zunehmend bestimmter. Noch hat sie kein Ziel. Aber sie geht voran.

Sie erinnern sich an den Apfelbaum? Und den Backofen? Bevor Goldmarie auf Frau Holle trifft, tut sie das, was aus ihrer eigenen Lebenshaltung heraus getan werden muss. Sie lässt sich berühren, hat Mitgefühl mit dem sich unter der Last der reifen Äpfel biegenden Baum und mit den Broten, die im Ofen zu verbrennen drohen. Sie hat nicht das Ziel, Gutes zu tun, um voranzukommen. Dass dies ggf. Voraussetzung sein könnte, um am Ende ihres Weges die goldene Belohnung zu erringen, ist für sie nicht relevant.

 Wie es weitergeht mit ihr, wissen die Meisten noch aus der Kindheit: Goldmarie dient Frau Holle, vor der sie sich zuerst fürchtet, tut auch hier, was getan werden muss, was sinnvoll ist. Sie freut sich an den Erdenkindern, die mit den Schneeflocken tanzen. Es geht ihr gut bei Frau Holle. Sie könnte zufrieden sein, hat alles erreicht, von dem sie „daheim“ nicht mal zu träumen wagte. Dennoch verspürt sie Sehnsucht, will zurück an ihren Platz – Und kommt reich beschenkt zu Hause an.

Ganz im Sinne einer Held*innenreise ist sie aufgebrochen aus beklemmenden Verhältnissen, hat ihren Weg gesucht, war anderen Wesen begegnet, die sie in ihr Herz einließ, hat Herausforderungen bestanden, und wird am Ende belohnt, mit Gold, mit Erfahrung, mit Selbstvertrauen. Fortan wird sie – so hoffen wir – ein anderes Leben führen.

Bemerkenswert erscheint mir, dass sie zu Beginn gerade kein ausgesprochenes Ziel hat. Vielleicht ist da eine Sehnsucht. Doch bewusst ging es ihr erstmal darum, das „Verlorene“ (zuerst die Spindel und dann den Weg „nach Hause“) wieder zu finden, obwohl ihr dieses zu Hause keins war.

Die Wunderfrage

Hätte eine Berater*in Goldmarie am Fuße des Brunnens gefragt „Angenommen, du würdest morgen früh aufwachen und dein Problem wäre gelöst. Was wäre da anders?“, was hätte sie geantwortet? Vielleicht: „Dann wäre ich mit der Spule wieder zurück an meinem Platz und würde weiterspinnen.“ Natürlich würden wir nachfragen: „Und noch?“. Darauf Goldmarie: „Es wäre auch schon, wenn mich Stiefmutter und -schwester nicht mehr so piesacken würden.“ „Und noch?“ „Naja, vielleicht regelmäßiges Essen, das mir auch schmeckt. Und bessere Kleidung.“ … Die Erfahrung, die sie dann auf dem Weg ihrer Heldi*nnenreise macht und die königliche Belohnung wären ihr sicher nicht in den (bewussten) Sinn gekommen.

Loslassen ist nicht leicht

Wie oft begegnet uns dies in der Beratung: Das Alte trägt nicht mehr, ist vielleicht sogar schädlich (eine Beziehung, ein Arbeitsverhältnis, ein Vorhaben, das nicht mehr trägt). Und dennoch versuchen Klient*innen mit aller Kraft, daran festzuhalten oder das bereits Verlorene  zurückzuerlangen. Erst im Laufe der Zeit, nachdem wirkliches Loslassen – oft verbunden mit Trauer – gelungen ist, wenn Klient*innen nach einer Phase der Orientierungslosigkeit die Fühler neu ausstrecken und sich neu einzulassen, erst dann zeigen sich auch neue Möglichkeiten und damit verbunden die Chance, stimmige Ziele zu entwickeln und zu verfolgen.

Verlauf von Veränderungsprozessen / Grafik: Sabine Grimm

Die Phasen im Veränderungsprozess, der in verschiedenen Modifikationen in Anlehnung an die Phasen des Sterbens nach Elisabeth Kübler-Ross[3] beschrieben wurde, stellen die Stadien Schock (So wie bisher, geht es nicht weiter) über Verweigerung (doch, nun gerade), rationale und später emotionale Einsicht, Loslassen und Trauer, sich neu orientieren, Chancen und Ressourcen entdecken, Wege suchen und gehen, … dar.

Wie anders ist es doch bei Pechmarie. Sie weiß genau, wohin sie will: Noch mehr haben, mit wenig Mühe einen Lohn erringen, den sie schon genau vor Augen hat: Ein mindestens so schönes Kleid wie ihre verhasste Stiefschwester will sie, und viele Goldstücke. Der Weg dahin scheint klar, Goldmarie hat ihn ihr beschrieben. Und sie tut – entgegen ihrer sonstigen Gewohnheiten – das, was man von zielsicheren Menschen erwartet: Sie schreitet zur Tat, wirft die Spule in den Brunnen und springt todesmutig hinterher. Naja, sie weiß, dass sie weich landen wird.

Das Ziel vor Augen vermeidet sie jede Ablenkung (Apfelbaum, Brote im Ofen). Sie bedenkt beide mit Hohn. Bei Frau Holle angekommen, kann es ihr auch nicht schnell genug gehen: „Was soll ich tun? Schnell, schnell!“. Er Lohn ist ja so nah.

Das sie bei der Ausführung der ihr zugewiesenen Aufgaben schwächelt, verzeiht sie sich, immerhin ist sie zu Höherem berufen, als die doofen Betten zu schütteln.

Den Rest kennen wir: Sie kommt ohne den ersehnten Lohn nach Hause, über und über begossen mit Pech, als Pechmarie eben. Sogar der Hahn am Brunnen lacht über sie.

Eigentlich gemein, oder? Immerhin hat sie in puncto Zielklarheit und -strebigkeit alles richtig gemacht. Sie hat klar gesagt, was sie will, sie hat Prioritäten gesetzt und Ablenkungen vermieden. Dass dabei Apfelbaum, Brote und Kinder, (die mit der Freude am Schnee) auf der Strecke bleiben, vielleicht aber auch bedürftige, auch mitfühlende und sich nach Besinnung sehende innere Anteile,  sieht sie nicht – bis es zu spät ist.

Was können wir daraus lernen?

Ich glaube, es geht v.a. um Folgendes:

Wenn du ein Ziel erreichen willst oder gar dein Lebensglück suchst, schau genau hin, was dir wirklich wichtig ist und vergiss nicht

Altes loszulassen und zu springen,

dir Zeit zu nehmen, dich mit deiner neuen Situation vertraut zu machen und dich Schritt für Schritt in diesem Niemandsland zwischen Nicht-Mehr und Noch-Nicht zu orientieren,

den Apfelbaum zu schütteln,

die gebackenen Brote aus dem Ofen zu holen

Und: die Betten kräftig zu schütteln.

Vielleicht bekommst du am Ende etwas, das du dir so nicht ausgemalt hast. Aber es lohnt sich.

Literatur

Grimm, Wilhelm und Jacob (1857): Kinder und Hausmärchen (KHM). Quelle: http://www.maerchenlexikon.de/Grimm/khm-texte/khm024.htm

Grimm, Sabine (2022): Goldmarie und Pechmarie – Von der Suche nach stimmigen Zielen und dem Weg dahin. Quelle: https://www.klarheit-und-perspektive.de

Kübler-Ross, Elisabeth (2014): Interviews mit Sterbenden. Kreuz, Freiburg im Breisgau


[1] Erstveröffentlichung: Grimm, Sabine (2022): Goldmarie und Pechmarie – Von der Suche nach stimmigen Zielen und dem Weg dahin. Quelle: https://www.klarheit-und-perspektive.de

[2] Grimm, Wilhelm und Jacob (1857), KHM 24

[3] Kübler-Ross, Elisabeth (2014)

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